"Davai, davai!" into Kyrgyzstans Tian Shan.

(The bike carries you, until you carry the bike. For nearly 2000km through Kyrgyzstan's Tian Shan, Hélène Fromenty and Stefan Haehnel faced thin air, endless hike-a-bikes, freezing river crossings and a partnership tested to its limit. This there story of the Silk Road Mountain Race, a leap into the unknown.)

Text & Photos: Hélène Fromenty & Stefan Haehnel

Das Licht unseres Dynamos flackerte schwach, unter unseren Sohlen knirschte der Schotter, und die Augenlider wurden immer schwerer. Langsam färbte sich der Himmel zwischen den steilen Felswänden violett – der Morgen brach an. Wir hatten beschlossen, in dieser Nacht nicht anzuhalten und nicht zu schlafen. Auf 3.500 Metern über dem Meeresspiegel war die Luft dünn, unser Sauerstoffgehalt im Blut niedrig, und unsere Herzen schlugen schnell. Nur langsam kamen wir voran. Den ersten Pass hatten wir noch nicht erreicht, nicht einmal den ersten rund sieben Kilometer langen Hike-a-Bike-Abschnitt hinter uns gebracht. Und es sollte längst nicht das einzige Mal auf den kommenden fast 2.000 Kilometern bleiben, dass wir unsere Räder tragen mussten – und nicht umgekehrt. Pässe über 4.000 Meter waren hier nichts Ungewöhnliches. Wir befanden uns im Tian Shan in Zentralasien, genauer gesagt in Kirgisistan, und nahmen am Silk Road Mountain Race 2025 teil.


Wir? Zum ersten Mal gingen meine Partnerin Hélène Fromenty und ich als Team an den Start – eine Premiere für uns beide. Da wir damals eine Fernbeziehung führten, wollten wir diese Reise gemeinsam erleben und die Zeit miteinander teilen. Es hätte sich seltsam angefühlt, zwei Wochen lang gleichzeitig durch Kirgisistan zu fahren, ohne uns zu sehen. Doch ein solches Vorhaben bringt auch seine Herausforderungen mit sich. Waren wir mental stark genug? Konnten wir unsere Bedürfnisse aufeinander abstimmen? Würden wir es schaffen, innerhalb der vorgegebenen 15 Tage gemeinsam fast 30.000 Höhenmeter über einige der abgelegensten Hochgebirgspässe zu bewältigen? Dieses Rennen war ein Sprung ins Ungewisse.

Eigentlich hätte es eine Erholungsphase sein sollen – nach 48 Stunden, in denen wir im Geröll feststeckten. Eine 30 Kilometer lange, asphaltierte Gerade auf dem Pamir Highway, direkt hinter dem ersten Checkpoint. In Wahrheit war es eine Tortur. Zum einen, weil wir auf voll bepackten Hardtails mit 2,35-Zoll-Reifen unterwegs waren. Zum anderen, weil der Wind über die kirgisischen Hochebenen keine Gnade kannte – schon gar nicht als Gegenwind. Obwohl wir zu zweit fuhren und uns im Windschatten abwechselten, zeigte der Tacho kaum mehr als 10 km/h. Mit krummen Rücken und tief über den Lenker gesenkten Köpfen stemmten wir uns in die Pedale, als wollten wir den Asphalt durchbohren. „Davai, davai!“, rief uns eine Gruppe Radfahrer vom Straßenrand zu. Sie gehörten nicht zum Rennen: keine orangefarbene Kappe, keine Startnummer am Rad, kein GPS-Tracker. Sie waren keine Teilnehmer – und doch berührten uns ihre Anfeuerungsrufe tief. Wir waren gerührt, weil wir wussten: Sie verstanden, was wir hier taten. Sie wussten, dass wir uns an einem der härtesten Offroad-Ultra-Cycling-Rennen der Welt versuchten.


Eine der besonderen Herausforderungen der siebten SRMR-Ausgabe waren die zahllosen Flussdurchquerungen. Die Route führte durch so abgelegene Regionen, dass es zwischen den Ufern oft keine einzige Brücke gab. Schon in der zweiten Nacht standen wir vor einem breiten Fluss, der sich in dutzende Arme verzweigte. Kaum einer war tiefer als einen Meter – doch die Strömung war stark, die Steine scharfkantig und das Gletscherwasser eisig. Wir versuchten es an mehreren Stellen. Vergeblich. "Wenn ein Fluss zu tief ist, wartet bis zum Morgengrauen – dann sinkt der Wasserspiegel", hatte Nelson Trees, der Organisator, beim Briefing erklärt. Nachts schmelzen die umliegenden Gletscher weniger. Wir erinnerten uns daran und gaben nach mehreren erfolglosen Versuchen schließlich auf. In der Dämmerung brachen wir bei Kilometer 270 früher als geplant ab.

Es war stockfinster, als wir zwischen den zerfallenen Mauern eines verlassenen Stalls unsere Isomatten aufbliesen und das Tarp aufspannten – nur ein paar hundert Meter vom Fluss entfernt, bereit, es im Morgengrauen erneut zu versuchen.


Neben Wetter und Gelände war das Silk Road Mountain Race auch für seine schwierige Versorgungslage berüchtigt. Im offiziellen Handbuch dieser Ausgabe stand es schwarz auf weiß: "Der längste Abschnitt ohne Versorgung beträgt 400 Kilometer." Dieser Abschnitt begann nach Naryn – der einzigen größeren Stadt auf der gesamten Route. In der 50.000-Einwohner-Stadt gönnten wir uns nach fast 1.000 gefahrenen Kilometern mehrere vegetarische Kebabs (Pizza war leider ausverkauft) und plünderten anschließend den lokalen Supermarkt. Seit dem Start war unsere Ernährung ziemlich eintönig gewesen – begrenzt durch das Angebot kleiner Dorfläden und die ständige Angst, krank zu werden: Schokoriegel, Kekse, Brot mit Käse oder Fischkonserven, Instantnudeln, Eis oder Softdrinks. In Naryn schlugen wir uns also die Bäuche voll und stopften unsere Taschen bis zum Bersten – bereit für die nächsten drei Tage.Oder vielleicht doch für drei Wintermonate in einer eingeschneiten Berghütte.

Mit jedem Kilometer wird klarer: Diese Herausforderung ist ebenso sehr Kopfsache wie körperliche Arbeit. Oft muss man einfach akzeptieren, dass es zäh wird, lang und immer länger. Wie zum Beispiel diese 30 Kilometer lange Hike-a-Bike-Sektion, die uns einen kompletten Tag kostete. Erst auf Singletracks, später querfeldein, immer an einem kleinen Fluss entlang und schließlich durch den Fluss, bis wir auf dem 4.000 Meter hohen Suyek-Pass standen – nur einen Steinwurf von der chinesischen Grenze entfernt. Oder die berüchtigte Old Soviet Road: nur zwei Kilometer lang, auf über 3.000 Metern Höhe. Aber mit einer Durchschnittssteigung von 20 % – in den Spitzen weit über 30 %. Eine gute Stunde lang wuchteten wir unsere Bikes bergauf. Um die Motivation nicht zu verlieren, mussten wir Tag für Tag, Pass für Pass verinnerlichen: Auf jeden harten Moment folgt in der Regel ein besserer – und umgekehrt. Ein Schneesturm auf 3.500 Metern ist viel leichter zu ertragen, wenn man weiß, dass danach eine warme Mahlzeit, eine heiße Dusche und ein Bett warten.


Als wir uns auf den Silk Road Weg machten, hatten Hélène und ich eine goldene Regel: Kein Blick auf das Live-Tracking. Wir wollten unser eigenes Abenteuer erleben und unser eigenes Tempo fahren, ohne uns vom Stress der anderen Teilnehmer, besonders der anderen Paare, anstecken zu lassen. Dieses Versprechen hielten wir bis zum zehnten Tag. Bei einem Versorgungsstopp am Yssyköl-See, etwa bei Kilometer 1550, stellten wir überrascht fest: Das führende Duo liegt nur 50 Kilometer vor uns – wir sind auf Platz zwei. Obwohl wir bis dahin effizient, aber ohne Druck gefahren waren, packte uns schlagartig der Ehrgeiz. Wir entschieden gemeinsam: Für die verbleibenden 400 Kilometer schalten wir in den Race-Mode. Das hieß: Arme auf die Aerobars, Stopps nur für das Nötigste, keine Nachtruhe und am letzten Pass – dem Chon Ashuu (3.860 m) – noch einmal alles raushauen. "Davai, davai!", feuerten wir uns gegenseitig an. Nach fast einem Tag ohne Empfang in den Bergen erreichten wir schließlich Karakol und überquerten die Ziellinie etwa fünf Stunden nach dem ersten Paar – als Zweite. Nach knapp 12 Tagen war es geschafft. Von 250 Startern erreichte etwa die Hälfte das Ziel innerhalb des Zeitlimits; wir belegten den 40. Gesamtrang. Müde, dreckig, aber verdammt stolz auf unsere Teamleistung.

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